Die Balaton Region als UNESCO Welterbe?
Der vom Balaton Fejlesztési Tanács (Lake Balaton Development Council) initiierte Prozess, die Balaton-Region zum Teil des Welterbes zu erklären, gleicht zurzeit einer Jagd nach Ja-Stimmen, denn die einzelnen Ortschaften und Gemeinden der Region müssen sich mit der Bewerbung um den Titel einverstanden erklären. Auch während der Konferenz “Balaton-Teil des Weltkulturerbes” am 7. Oktober in Tapolca, einer von vielen auf der “Promotionstour”, wurde ersichtlich, dass sich manche Kommunalregierung vor weiteren Einschränkungen in der (wirtschaftlichen) Entwicklung durch den Welterbe-Titel fürchtet. Sie bemängeln auch Inkonsequenz bei den Initiatoren, die mit Förderungsaktivitäten oft in eine gänzlich andere Richtung als Natur- und Kulturschutz zeigen. Andere werden vom Nimbus, in der “Weltliga mitspielen zu können” angezogen. Seltener sind neutrale, besonnen Stimmen zu hören, die herausstellen, dass die Region auch ohne den Welterbe-Titel kompromisslos zu schützen sei.
Flut der Titel und Bezeichnungen
Für das von der Unesco erfasste Welterbe, das sich aus dem Weltkulturerbe und dem Weltnaturerbe zusammensetzt, hat die Balaton-Region durchaus Schätze zu bieten. Doch die Frage ist, ob wir tatsächlich noch eine Etikette benötigen, vor allem, wenn das Profil der Region und ihre Zukunft noch im Dunkeln liegen.
Die Köpfe dürfen ruhig schwirren: Nationalpark, Gebiete unter verstärktem Naturschutz, Gebiet mit Europa-Diplom, Tal der Vulkane, Geopark, um nur einige zu nennen, und nun Welterbe. Die Begriffe und sich überschneidende Teilregionen widersprechen sich teilweise in ihren Inhalten und Vorstellungen oder stehen gänzlich ohne Implementierungsplan da. Unter solchen Umständen darf man sich nicht wundern, wenn sich auf der LEADER-Programmseite gleich nach der Aufforderung an die Dorfgemeinschaften, nachhaltige Entwicklungsprojekte zu entwickeln, das internationale Quadtreffen im Balaton-Oberland angekündigt wird. Dies bedarf übrigens einer Genehmigung, die nach den Angaben von József Vers vom Nationalpark Balaton Oberland nicht erteilt wurde. Der Park hatte keine Kenntnis über den Anlass.
Die Webseite der Quadfreunde finden Sie unter Quad-Balaton: http://www.quad-balaton.com
Der Erbstreit
Die Haager Konvention vom 14. Mai 1954 hält zum Schutz des Welterbes folgendes fest: “Jede Schädigung von Kulturgut, gleichgültig welchem Volke es gehört, bedeutet eine Schädigung des kulturellen Erbes der ganzen Menschheit, weil jedes Volk seinen Beitrag zur Kultur der Welt leistet.” Der Haken mag dort liegen, dass es weder bei den Initiatoren noch bei den Befürwortern eine klare Vorstellung darüber existiert, welches Profil unserer Region bei einem Welterbe-Titel für die Nachwelt erhalten werden soll. Dieses kann demzufolge auch nicht fachgerecht kommuniziert werden. Es gibt zum Beispiel durchaus konzeptionelle Unterschiede zwischen dem Balaton als “Grosse Badewanne” und dem Profil als “Lebendiges Wasser”.
Welches einmalige Natur- und Kulturerbe können die Balaton-Region und ihre BewohnerInnen der Welt geben? Lavaux zum Beispiel, das Weinbaugebiet am nordöstlichen Ufer des Genfersees in der Schweiz, das seit 2007 unter dem Namen Weinterrassen von Lavaux mit Blick auf den See und die Alpen Unesco Welterbe ist, verfügt seit dem 12. Jahrhundert über steile Terrassen. Lavaux ist es gelungen, sich klar auf ein Schlüsselelement zu fokussieren, das zum Schutz aller anderen Strukturen beiträgt und gemeinsam mit den Ansässigen ein gezieltes Profil darauf aufzubauen.
Piroska Petö, die mit ihrem frischen Diplom als Umweltingenieurin in Balatonfüred arbeitet, ruft die typischen Presshäuser der Oberen Balaton Region als Schlüsselstrukturen in Erinnerung. Sie setzt sich seit Jahren auch für die Erhaltung von alten Dorfhäuserstrukturen ein. Die junge, selbstbewusste Frau hat ebenfalls eine im Februar veröffentlichte Petition mit unterzeichnet, welche sich für den Balaton als Nationales Gut einsetzt. Die Initiatoren setzen auch Hoffnung in den Titel Welterbe, da sie sich wirksamen Schutz vor weiterem Raubbau und Landschaftszerstörung wünschen.
Bereits zu spät?
Der (wieder aufgewärmte) Gedanke des umfassenden Natur- und Kulturschutzes in unserer Region könnte jedoch bereits zu spät kommen. Die Region ist in vieler (und unguter) Hinsicht heterogen und zerstückelt. Auf Konferenz in Tapolca wurde in diesem Kontext auf interessante Weise vor Augen geführt, wie die Halbinsel Tihany das Europa-Diplom für Naturgebiete erlangt hat. Das Prüfungskomitee hat einzelne Teile der Halbinsel regelrecht aus den ursprünglichen Plänen geschnitten, welche ihrer Meinung nach bautechnisch bereits zwanghaft und unüberlegt in eine falsche Richtung entwickelt wurden. Sollten wir uns also auf ein Welterbe-Puzzle gefasst machen? Der Balaton Fejlesztési Tanács ist der Meinung, man müsste die Region auch inklusive Landschaftswunden schützen, um sie für die Nachwelt zu erhalten.
Die Frage der Umsetzung
József Marton, Vizebürgermeister von Talpolca hielt in seiner Konferenz-Begrüssungsrede fest, dass in der, an sich willkommenen Diskussion um das Weltkulturerbe, noch immer keine Antworten auf das WIE gefunden wurden, dies jedoch sei die Frage, die ihn, als der Region vielschichtig Verbundenen, besonders interessieren würde. Es dürfe nicht viel mehr Zeit verstreichen, in der man einem neuen Titel ohne Konzeption nachlaufen würde, es gelte, so schnell wie möglich und gezielt zu handeln und die Region zu schützen.
Mangelnde Konzepte
Von Spitzenvertretern der UNESCO-Kommission war schon früher zu hören, dass mangelnde Professionalität und Einsicht im Umgang mit dem Weltkultur- und Weltnaturerbe zu beklagen seien, sowie starke Informationsdefizite. Wie jedes neue Konzept, würde auch die Idee des Welterbes “Balaton Region” einen Management- und Implementierungsplan erfordern, der jedoch auf sich warten lässt. Es ist auch keine Planung hinsichtlich dessen sichtbar, wie die gesellschaftliche Akzeptanz letztendlich auf Kommunalebene erreicht werden sollte. Agitationsbemühungen dürfen hierbei nicht mit echtem Informationsfluss und Dialog verwechselt werden.
Es wäre wünschenswert, aus guten Beispielen zu lernen und den gesellschaftlichen Dialog mit echtem Interesse voranzubringen. Dies dürfte vielleicht unerwartete, jedoch sicherlich nachhaltigere Lösungen mit sich bringen.