Wo beginnt Nachhaltigkeit?

Vielleicht ist den werten Leserinnen und Lesern der Satz “Nachhaltigkeit beginnt im Kopf” auch bereits begegnet. Dies wäre nicht verwunderlich, denn bei der Nachhaltigkeit haben wir es mit einem Begriff und Inhalten zu tun, die spätestens seit den achtziger Jahren einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden und zu denen sich viele Experten, Vordenker, aber auch lokale Betroffene Gedanken machen konnten. Während Jahrzehnten fanden der Begriff und seine Unterstützer eine breite Publizität. Nachhaltigkeit als Leitgedanke fand seither in vielen Ländern, auf mehreren Kontinenten Eingang in Kultur, Wissenschaft, Bildung, Wirtschaft und auch Politik, sogar auf Verfassungsebene.
Erfreulich ist, dass weltweit zahlreiche nachhaltige Projekte und Initiativen umgesetzt werden konnten. Viele von ihnen wachsen und gedeihen weiter und besitzen eine starke Ausstrahlung. Der Ansatz, global als richtig erkannte nachhaltige Vorstellungen auf lokaler Ebene zu verwirklichen (Lokale Agenda 21) brachte weitere Erfolge. Noch immer gilt jedoch vielerorts die Vorstellung, Umweltanliegen und Themen der Nachhaltigkeit seien Errungenschaften und Entwicklungsmöglichkeiten für reiche, entwickelte Länder. Sind also Nachhaltigkeit und Lebensqualität Luxus? Und wie und wo beginnt man mit der Nachhaltigkeit?

Herausforderungen

Doch trotz der Bekanntheit und Berühmtheit fand die Umsetzung nachhaltiger Werte und Vorstellungen nicht die Wirkungskraft, welche eines, gesellschaftlich (und auch finanziell) so breit unterstützen Leitgedankens zugedacht werden könnte. Es scheint als würde die Nachhaltigkeit, oftmals wenn es zur Entscheidungen in akuten Problemen kommt, hinten anstehen müssen. Dies hat vielschichtige Gründe und dementsprechend zahlreiche Rezepte.
Unserer Ansicht nach verdient es unsere Aufmerksamkeit, dass Entscheidungsträger und Betroffene -auch wenn ihnen der Nachhaltigkeitsbegriff als solches bekannt ist- in vielen Fällen nicht wissen, wie die erwünschten nachhaltigen Schritte, Strategien und Massnahmen in der Praxis aussehen könnten. Beziehungsweise, sie fühlen sich Spannungen zwischen ökologischen Rahmenbedingungen und ökonomischen Interessen oder zwischen globalen Entwicklungen und lokalen Werte ausgesetzt, welchen sie nicht mit nachhaltigen Massnahmen zu begegnen wissen. Nachhaltigkeit als Theoriegebilde und die gute Absicht genügen also für unsere Ziele einer nachhaltigen Region nicht, praktisches, nutzbares Wissen ist gefragt. Ist Bildung also die Lösung?

Neben dem Umdenkprozess gewiss, doch die Erfahrung zeigt, dass dies auch Bildung in der Praxis bedeuten muss. Diese Bildung vermittelt das Lernende Region-Programm auf vielschichtige Art und Weise und für alle Beteiligten und Interessierten. Eines der wichtigsten Schritte neben der Bildung und Ausbildung lokaler Akteure ist es, die BewohnerInnen langfristig für die aktive und kreative Teilnahme an der Gestaltung der nachhaltigen Entwicklung zu gewinnen und Jugendliche gezielt mit in den Prozess einzubinden.
Doch wie sieht dies in der Praxis aus?

Nachhaltigkeit in der Praxis

Wir müssen uns bewusst sein, dass nachhaltige Schauprojekte, welche zwar attraktiv sein könen, jedoch unabhängig von ihrem lokal-regionalen sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Umfeld existieren, keine wirkliche gesellschaftliche Veränderung Richtung Nachhaltigkeit bewirken können. An ihnen können wir zwar “Nachhaltigkeit sehen” und auch etwas lernen, ähnlich wie in einem Museum, die Dynamik der Nachhaltigen Entwicklung erleben können wir jedoch unter diesen Voraussetzungen nicht. In dem Moment, in dem wir “das geschützte Museum” verlassen, gelten wieder andere Gesetze der Realität, die wir meister müssen. Ohne des Erlebnisses und dem Erfahrungswert einer nachhaltigen Realität gelingt es jedoch den Betroffenen kaum, echte auftretende Probleme zu meistern und die Betroffenen – und vor allem die junge Generation – langfristig für eine nachhaltige Entwicklung zu motivieren.
Projekte, die wir seit 2002 zusammen mit unseren Partnern lancieren und unterstützen, führen weg von der oben erwähnten pädagogischen und sozial-ökonomischen Sackgasse statischer Projekte. Sie decken echte Bedürfnisse auf und eröffnen neue motivierende Wege der Miteinbindung, wie auch der Umsetzung. Sie schaffen dazu wenn nötig die noch nicht vorhandenen Verbindungen (Missing Links) zu anderen Aktivitäten, Gemeinschaften, Organisationen und Strukturen, wodurch die Initiativen langlebig werden. Sie beleben auf diese Weise ganze Regionen und bewegen BewohnerInnen dazu, nicht nur umzudenken, sondern das Erlernte auch umzusetzen.

Das “Wie” (die Methoden und Strategien), die Herausforderungen und nicht zuletzt die Erfolge dürften nicht nur für Lehrpersonen, Experten, Unternehmer und Politiker von Interesse sein, sondern auch für “Laien”. Deshalb berichten wir in Zusammenarbeit mit der Balaton Zeitung im Rahmen des Lernenden Region-Programms (Siehe Seite “Das Lernende Region Programm: Eine Übersicht”) laufend über konkrete regionale Projekte, so auch zum Beispiel über das “Pilot-Projekt Hegymagas”.

Zentraleuropäischer Kontext

In Zentraleuropa, so auch in Ungarn und auch hier in unserer Region ist seit nunmehr zwei Jahrzehnten das zentrale Thema, die eigene kulturelle, wirtschaftliche und gesellschaftliche Identität wieder zu stärken, und wo notwendig, wiederzuentdecken. Dies geschieht, während sich globale Strukturen rasch und dynamisch ändern und immer wieder neue Rahmenbedingungen schaffen. Die Herausforderungen zu meistern braucht vielseitiges Können. Das nachhaltige Management der Veränderungen im Ruralen Europa ist eines der grössten Herausforderungen der Grossregion, weshalb dies unser zentrales Arbeitsthema darstellt. Wo immer wir es mit Menschen zu tun haben, sind immer wieder neu zu entdeckende Dynamiken und Entwicklungen zu erwarten, die es handzuhaben und in fruchtbringende Richtungen zu lenken gilt. Demokratie muss auf allen Ebenen erlernt werden und bis in die dörfliche Strukturen hinein Wurzeln fassen können, im Interesse der Bevölkerung, der zukünftigen Generationen und nicht zuletzt im Interesse eines stabilen Europas.
Dies könnte den Eindruck erwecken, dass neben diesen Herausforderungen kaum mehr gesellschaftliche Kapazität für Themen wie Natur- und Landschaftsschutz in der Grossregion bleibt. Doch gehört in Ungarn die Kenntnis und Pflege der Natur und der Umwelt von jungen Jahren an mit zur kulturell-gesellschaftlichen Identität, wie es dies die seit langem florierenden Waldschulen, Pfadfinderbunde, Ökoschulen, Naturvereine und nicht zuletzt der nahezu 10%-e Flächenanteil des Landes an Nationalparks zeigen. Sie integrieren die Werte der Nachhaltigen Entwicklung Schritt für Schritt mit fachlicher Umsicht und besonnener Pädagogie.
Nach dem politisch-gesellschaftlichen Wandel nach 1989 hat sich jedoch auch in der Balaton Region herauskristallisiert: Die Spannungsfelder zwischen der Einhaltung ökologischer Rahmenbedingungen und sozialer Werte und wirtschaftlichen Interessen sind stets gewachsen. Um Missverständnisse vorzubäugen: Es geht nicht darum, Wirtschaftsakteure in der Verfolgung ihrer Interessen zu hemmen, dies ist im Rahmen von Gesetzen und Bestimmungen ihr gutes Recht und ihre Berufung. Doch sollen gleichzeitig die Vertreter des Natur- und Umweltschutzes oder sozialer Anliegen ihre Interessen in genügendem Masse wahrnehmen können. Dieses Ziel wird in der Region auf vielen Ebenen verfolgt.

In starken Demokratien haben sich die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse angenähert und auftretende und bewältigte Spannungen tragen dazu bei, Entwicklung voranzubringen, letzten Endes im Ziele der Erhaltung der Lebensqualität. Es entstehen lebendige Entwicklungsfelder in denen viel unerwartet Gutes wachsen kann. Dabei ist nternehmerisches (nicht allein wirtschaftsorientiertes) Denken und Handeln gefragt, damit Herausforderungen im Interesse aller gemeistert werden können.

Intelligente wirtschaftliche Lösungen als Anziehungsfaktor?

Im heutigen Zentraleuropa müssen also die zivilen, sozio-kulturell und Ökologie orientierten gesellschaftlichen TeilnehmerInnen gestärkt werden, um der Grossregion gerecht zu werden. Gleichzeitig muss die Wirtschaft auf gesunden Beinen stehen können. Deshalb ist es der Wirtschaft als besondere Aufgabe gegeben, nachhaltige, langfristig verträgliche und wirklich profitable Wege zu suchen. Würde dies als Ziel anerkannt, wäre es schlicht “ein Muss”, die Herausforderungen anzunehmen und intelligente unternehmerische Lösungen zu suchen.

Das Ziel ist es also, voneinander zu lernen und gemeinsam Qualität zu schaffen. Eine Region kann sich nichts Besseres wünschen, als starke zivile Bewegungen und unternehmerische Qualität, welche die Intaktheit der Umgebung und die Lebensqualität der BewohnerInnen als eigenen Erfolgsfaktor zu werten versteht. Unser Anliegen und unsere Vision ist also stark unternehmerisch geprägt im Sinne einer “gemeinsamer Unternehmung”. Jeder ist aufgefordert das zum Werk beizutragen, was er am besten kann.

Visionen erarbeiten

Wünschenswert wäre es also, im Sinne des Obigen gemeinsam über die Zukunft der Region nachzudenken und nachhaltige Visionen zu erarbeiten. Dazu geben wir gerne inhaltliche Anstösse. Diese sind Impulse dazu, nachhaltige Entwicklung lokal, bei uns zu Hause, in der Gemeinschaft, der Gemeinde, in der eigenen Unternehmung, am Arbeitsplatz und in der Region Schritt für Schritt anzusprechen und zu verwirklichen.

Sie sind eingeladen

Das hier im Blog Vorgestellte könnte auch für Sie, als BewohnerIn, Arbeitnehmer oder -geber oder Gast unserer Region von Bedeutung sein. Sie haben die Möglichkeit, “von unten” kommende Entwicklungen in der Region mitzuerleben, die Balaton-Region auch durch die Linse der Nachhaltigen Entwicklung zu betrachten und sich thematisch zu bereichern. Nach Wunsch können Sie mit ein Teil eines spannenden und lehrreichen Vorgangs werden, zum Beispiel durch Online Beiträge zu den einzelnen Artikeln oder durch den Besuch unserer Projekte. Hierbei ist auch Ihre Beobachtungsgabe, mit der sie Ihre eigene Umgebung und ihre Entwicklungen wahrnehmen gefragt. Teilen Sie uns Ihre Eindrücke mit und stellen Sie Fragen. Begleiten Sie uns auf dieser Entdeckungsreise, sammeln Sie Erfahrungen mit einem spannenden Thema und bewegen Sie etwas Richtung Nachhaltigkeit in unserer Region.

Denn im Kern geht es darum, auch diese Region und ihre interessierten BewohnerInnen für das eigene ökologische, ökonomische und gesellschaftliche Wohlsein und Entwicklung zu motivieren. Wir freuen uns auf Ihre Beiträge.

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