Stille statt Party: Erstmals Geisterrennen in Oberhof

Biathlon in Oberhof: Das sind Zehntausende Fans, eine große Party, volle Hotels und Kneipen. In Corona-Zeiten ist alles anders. Den Biathleten fehlen die Fans, aber es geht auch ohne. Derweil hoffen die Organisatoren, dass nicht doch welche an den Grenzadler pilgern.

Gespenstische Stille statt Zehntausender johlender Fans, eine «abgeriegelte» Stadt und strenge Hygienevorschriften: Die Biathlon-Party im Thüringer Wintersport-Mekka Oberhof fällt im Jahr 2021 aus.

Stehen am legendären Birxsteig sonst die Fans in Fünferreihen und ziehen angeblich schon mal Windeln an, um in den vielen Stunden an der Strecke ja nicht ihre Lieblinge wie Arnd Peiffer und Denise Herrmann zu verpassen, feuern nun an der Loipe nur die Trainer und Betreuer die Skijäger an. «Die fehlenden Fans sind schon ärgerlich. Das ist eigentlich das Schönste an Oberhof», sagte Benedikt Doll (30) zu den ersten Geisterrennen am Grenzadler.

Damit vom 8. Januar an mit den beiden Auftakt-Sprintrennen (11.30 und 14.15 Uhr/ZDF und Eurosport) nicht doch noch Fans an die Arena kommen, wird die Polizei die Zufahrt zur Stadt regulieren. Zudem werden diesmal in dem, anders als in den Jahren zuvor, verschneiten Wintersportort alle öffentlichen Parkplätze für Tagestouristen gesperrt. Zudem wurden verstärkte Polizeikontrollen angekündigt. Die Zufahrt zum Stadion ist wie immer abgeriegelt. In den vergangenen Tagen waren wie an anderen Ausflugszielen in Deutschland bis zu 10.000 Menschen nach Oberhof gekommen und hatten für ein Park-Chaos gesorgt.

Die Athleten selbst, die schon zuvor in Kontiolahti und Hochfilzen vor leeren Rängen liefen, blenden das ganze Drumherum aus. «Man gewöhnt sich dann doch relativ schnell daran, dass weniger los ist», sagte Olympiasieger Peiffer zur leeren Arena. Und für manch einen kann der fehlende Druck der Fanmassen sogar positiv sein.

Im Vorjahr schnitten die Deutschen mit Podestplätzen durch Peiffer, Denise Herrmann, dem diesmal nicht berücksichtigten Johannes Kühn und der Männer-Staffel sehr gut ab. Vor allem Peiffer (33) ist nach seinem Massenstartsieg zum Jahresende in Hochfilzen hochmotiviert, weiß aber, «dass ich mir alles neu erkämpfen muss. Alles ist wieder auf Null gesetzt.»

Sportlich sind die Augen vor allem auf Ex-Weltmeister Simon Schempp gerichtet. Der 32-Jährige gibt seinen Saisoneinstand, nachdem er in den internen Ausscheidungsrennen gegen Erik Lesser den Kürzeren gezogen hatte und erstmals seit 2011 nicht im Weltcupteam war. «Wunderdinge sind nicht zu erwarten. Aber ich denke schon, dass ich ordentliche Ergebnisse einfahren kann», sagte der Uhinger.

Dass er wieder zu alter Stärke findet, hofft auch Lesser. Er hatte mit Schempp als Schlussläufer in den Staffeln in der Vergangenheit viele Erfolge gefeiert. «Er hatte Eier aus Stahl und hat sie nach wie vor. Wir hoffen alle, dass er wieder dahin kommt, wo er mal war, und dass er uns im Team weiterhilft», sagte der 32-Jährige der ARD.

Für die Organisatoren wird die Ausrichtung der beiden Weltcups in Oberhof – der kommende Woche in Ruhpolding wurde wegen der Minimierung der Reisetätigkeit nach Thüringen verlegt – derweil ein Minusgeschäft. Dennoch war eine Absage keine Option. «Man kann immer Nein sagen, aber das wäre ein ganz schlechtes Signal an alle möglichen Seiten gewesen. Zum Beispiel an die Spitzenverbände, die von uns erwartet haben, dass wir das machen. Zwar gab es keine direkte Aufforderung, aber bei den Gesprächen war deutlich der Wunsch spürbar», sagte der Thüringer Finanzstaatssekretär Hartmut Schubert.

Laut Schubert liege der Fehlbetrag nach jetziger Planung «unter einer Million Euro. Es wird nicht so sein, dass wir Gewinne erzielen oder mit einer schwarzen Null nach dem Winter rauskommen», sagte der SPD-Politiker (60) der dpa. Man habe Corona-Hilfen beantragt und auch der Biathlon-Weltverband zahlt rund 500.000 Euro Unterstützungsgeld. Zudem müsse man auch die Ausrichtung der WM 2023 in Oberhof im Hinterkopf haben. «Wichtig ist der langfristige Blick auf das Projekt», sagte Schubert.

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