Geschraubte Sprache

Schwierigkeiten mit der Brüsseler Bürokratie

Es ist keine leichte Aufgabe, die Ausschreibungen der Union auszulegen und richtig zu verstehen, die meisten sind außerordentlich kompliziert und umständlich formuliert. Auch im Landwirtschaftsministerium sah man sich schon mit dem Problem konfrontiert – beispielsweise in Verbindung mit dem Nationalen Gebietsentwicklungsplan, deshalb will man die Situation verbessern.

Durch den Nationalen Gebietsentwicklungsplan können mehrere hundert Landwirte zu erheblichen Fördermitteln gelangen – doch dafür müssen sie nicht nur auf den Feldern, sondern auch am Schreibtisch arbeiten. Die Inanspruchnahme der Förderung ist mit einer Menge Papierarbeit verbunden. Die meisten der von uns befragten Landwirte bemängelten vor allem, dass die mit den Bewerbungen verbundenen amtlichen Mitteilungen, die Auskünfte und Datenblätter schwer verständlich seien. Wir wandten uns an einen bekannten Sprachwissenschaftler und fragten nach, ob die Klagen berechtigt sind.

Géza Balázs, der Leiter des Lehrstuhls für moderne ungarische Sprache an der Budapester Universität ELTE sprach vor der in die Einzelheiten gehenden Analyse zuerst darüber, dass es sich ganz grundsätzlich nicht um ein neues Problem handelt: Der juristische oder amtliche Sprachgebrauch – mit wissenschaftlicher Bezeichnung: das Register – steht in jeder größeren Sprachkultur im Kreuzfeuer der Diskussionen. Die Wildwüchse unserer „Amtssprache“ zeigten sich schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts, doch nach der Wende wurde der Gegensatz zwischen rechtlicher Regelung und Allgemeinverständlichkeit umso auffälliger. Die politische und wirtschaftliche Wende ging teilweise auch mit einer sprachlichen Wende einher: Es folgte eine rasche Terminologiewandlung, eine Art Wortrevolution. Das hat nach Auffassung des Sprachwissenschaftlers häufig zur Folge, dass die Staatsbürger die Amtssprache ganz einfach nicht mehr verstehen. Sie verstehen die Logik der Abrechnungen der öffentlichen Versorger, die Mittelungen der Rentenanweisungen oder eben den Text der Ausschreibung nicht. Géza Balázs befand die Sprache einer auf der Internetseite des Amtes für Regionalentwicklung erschienenen Bekanntmachung beispielsweise für außerordentlich schwer verständlich. Wie er sagte, enthält sie auf das erste Anschauen sehr viele Zahlenangaben, Verweise und Bezeichnungen in Grossbuchstaben, die für den Durchschnittsleser rätselhaft bleiben. Die vielen schwierigen Begriffe und die groß geschriebenen, im Allgemeinen nicht gut übersetzten Bezeichnungen erleichtern das Verständnis nicht. Beispielsweise der Ausdruck „Garantieabteilung des europäischen Landwirtschaftsgarantiefonds“ hat eine magische, „verschwimmende“ Wirkung. Laut dem Sprachwissenschaftler erschweren die Sätze mit verdrehter Wortfolge, die mehrfachen Unterordnungen, die Genitivstrukturen, die mehrfach zusammengesetzten Sätze und Einschübe das Verständnis erheblich.

András Dékány, der Sprecher des Ministeriums für Landwirtschaft und Regionalentwicklung, sagte auf Anfrage, dass sich schon mehrere Personen mit der Beschwerde an das Ministerium gewandt hätten, dass die Bekanntmachungen und Mitteilungen oder auch die an die Klienten oder geförderten Landwirte gesendeten Briefe nicht immer verständlich seien. Laut dem Sprecher ist der Grund dafür, dass bei der Gestaltung einer bestimmten Förderform aufgrund von mehreren außergewöhnlich komplizierten Rechtsvorschriften vorgegangen werden muss, außerdem ist, da es sich um die Verteilung von hunderten Millionen Forint handelt, die juristische und finanzielle Genauigkeit unabdingbar. András Dékány merkte gleichzeitig an, dass die Dorfwirte und die Ämter für Regionalentwicklung immer bereit sind, die Landwirte zu unterstützen. Daneben – fährt er fort – habe man gerade wegen der Beschwerden versucht, den Landwirten dadurch zu helfen, dass zu einzelnen Förderformen des Nationalen Regionalentwicklungsplans eine acht- bis zehnseitige Informationsschrift angefertigt wurde, bei der man sich sehr um eine direkte, einfache und allgemeinverständliche Ausdrucksweise bemühte. Die wegen der verständlicheren Ausdrucksweise eingeführte Methode wird später auch bei anderen Förderformen und Ausschreibungen angewendet – fügte András Dékány hinzu.

Laut dem Sprachwissenschaftler lohnt es sich, dese Methode anzuwenden. Géza Balázs studierte auf Bitte hin auch eine Informationsbroschüre, die Auskunft über die Förderungen von Produzentengruppen gibt.

„Darin ist die klare Gliederung schon zu bemerken. Es sind wesentlich weniger Verweise und Verrätselungen enthalten, außerdem wird der didaktische, erklärende Charakter deutlich. Die Informationsschrift zählt zunächst 27 Fragen auf und gibt dann später die Antwort darauf. Das scheint eine gute Lösung zu sein“, sagte Géza Balázs. Dann fuhr er fort: „In England wurde schon vor einigen Jahrzehnten die bei der Vereinfachung von amtlichen Texten helfende Bewegung und das Büro Plain English, das heißt soviel wie: Für das klare Englisch ins Leben gerufen. 2006 wurde in Budapest das Ungarische Sprachdienstleistungsbüro gegründet.“

Der Lehrstuhlleiter betonte, dass man auch zur Kenntnis nehmen muss, dass die für ein größeres Publikum formulierten amtlichen Texte ihrem Zweck entsprechend formuliert werden müssen. Zuerst muss kurz, allgemein verständlich und einfach das Wesentliche zusammengefasst werden, müssen die schwierigen Wörter, die Ausdrücke definiert werden und dann muss der Text logisch aufgebaut werden. Im Interesse der Fachgerechtheit müssen am Ende des Textes die Verweise, die gesetzlichen Grundlagen aufgeführt werden. Laut Géza Balázs ist es deshalb besonders wichtig, sich dies vor Augen zu halten, weil die Vernachlässigung der ungarischen Textverstehensaufgaben und allgemein des Sprachunterrichts zeigen, dass diese Probleme häufig in Erscheinung treten. M.K.