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Höhlenabenteuer im Mecsek-Gebirge

Die rund 400 Meter durch die Höhle der Kalkbrennerquellen in der Nähe von Pécs/Fünfkirchen würden kein Spaziergang werden. Das machte der Höhlenforscher und Führer der kleinen Gruppe, Antal Kéki, schon vorher klar. Nicht umsonst läuft der Ausflug in die Unterwelt des Mecsek-Gebirges unter dem Stichwort Abenteuertour. Extremtour wäre auch eine treffende Bezeichnung.

Nach dem Überstreifen des Overalls, den der Donau-Drau-Nationalpark samt Helm und zwei Lampen zur Verfügung stellt, beginnt der Angriff auf das Innere des Berges mit einem noch leichten sportlichen Test: Kopfüber oder mit den Beinen zuerst – man hat die Wahl – dringen die Teilnehmer der kleinen Expedition durch einen nur 60 Zentimeter hohen und etwa zwei Meter breiten Spalt in die Höhle ein. Der siphonartige Durchschlupf dahinter musste zuvor freigepumpt werden – etwa fünf Kubikmeter Wasser sammeln sich dort zwischen den einzelnen Touren, die drei Mal in der Woche möglich sind.

Auf allen vieren kriechen die Höhlenkletterer einige Meter, um sich wieder aufrichten zu können. Vorbei an einem stehenden Wasser windet sich der schmale Pfad durch den Fels bis zu einem Spalt, der sich nach oben hin viele Meter fortsetzt. Eine Art Prüfung des Leibesumfangs, ein Hindernis, das nur in seitlicher Körperhaltung zu überwinden ist. Eine erste Pause erlaubt dem Kreislauf der zumeist ungeübten Amateur-Speläologen eine Beruhigung. Kéki erteilt inzwischen Anschauungsunterricht darüber, wie es aussähe, wenn das Licht ausginge. Wir knipsen die Lampen aus – totale Dunkelheit, weitaus finsterer als bei Neumond nachts im Schlafzimmer. Wer da in der Höhle steckt, wird Schwierigkeit haben, wieder ans Tageslicht zu kommen. Beinahe absolut ist auch die Stille, bis das Ohr ganz in der Ferne einen Wasserfall wahrnimmt.

Kéki zeigt, nachdem die Lampen am Helm die Umgebung wieder ausleuchten, das Leben, das sich an die Bedingungen der Unterwelt angepasst hat. Vorn im Eingangsbereich waren es Fledermäuse, die in ihrem unsteten Flug den Weg kreuzten. Weiter drin gab es dann die kleinen weißen Krebstierchen, die nie das Licht des Tages gesehen haben. Und auch die Schwärze überall an den Felswänden deutet auf Leben. Sie entstand von einer Art Bakterium ohne Zellkern, erzählt Kéki, einer Urform des Lebens, das noch zwischen toter und lebender Materie steht und dessen Stoffwechsel auf der Basis von Mangan abläuft, davon also die schwarze Ablagerung.

Beim weiteren Gehen, Klettern und Kriechen rücken immer mehr Tropfsteine in den mannigfaltigsten Formen ins Blickfeld. Und Wasser, immer mehr Wasser. Alle sind gewarnt: Es wird nasse Füße geben, Gummistiefel sind eigentlich kein angemessener Schutz gegen Nasswerden, wenn das Wasser bis über die Knie reicht. Doch Kéki beruhigt auch, Erkältungen werde es nicht geben, dass Wasser wird schnell warm in den Stiefeln. Und es ist sauber. Bevor der Schlamm vom Boden aufgewühlt ist, kann man gern davon trinken.

Die schwierigste Etappe sind wohl die fünf Meter, die nur stark gebückt zu überwinden ist. Zwischen Karstwasser und Felsdecke bleiben vielleicht 40 Zentimeter, seitlich mit den Armen abstützen ist angeraten. Manch einem kommt der Gedanke, dass ein Spaziergang durch die Höhle in Abaliget oder die Kalktuffhöhle in Pécs wohl erheblich leichter gewesen wäre. Aber der könnte das Erlebnis dieser Extremtour nicht aufwiegen. Und so stehen die Männer vor dem ersten Wasserfall, trinken, entspannen, bevor sie weiter nach oben steigen, wo sich nach einem mäandernden Gang ein großer Raum öffnet – endlich wieder aufrecht stehen, durchatmen, trinken! Die Hälfte des Weges ist geschafft – bleiben nur noch die zweihundert Meter Strecke zum Ausgang zurück.

Die Mecsek ist von Höhlen durchlöchert wie ein Schweizer Käse. Von den 250, die bislang bekannt sind, hat Antal Kéki die meisten von innen gesehen. Der 34-Jährige befasst sich seit 15 Jahren mit Höhlenforschung, anfangs als Hobby, später dann, nach zweijähriger Schulung bei der Gesellschaft Ungarischer Karst- und Höhlenforscher, professionell.

Ungarn ist ein wahres Höhlenland. Über 4000 mit einer Gesamtlänge von 235 Kilometern wurden bisher entdeckt, sagt Csaba Egri von der Abteilung für Höhlen und Geologie des Umweltministeriums. Als Höhle gilt in Ungarn jeder Hohlraum mit einer Länge von mehr als zwei Metern. Dementsprechend ist auch die Zahl der Höhlen, die kürzer als zehn Meter sind, mit 2500 recht groß. Allerdings gibt es auch mehr als 200 mit einer Länge von mehr als 100 Metern. Etwa zwei Dutzend sind für Massen-, Öko-, Abenteuer- und Badetourismus sowie für therapeutische Zwecke freigegeben.

Anmeldung zur Höhlentour: Tel. 06 72 518 221, Handy 06 30 405 4571; E-Mail wodtke@ddnp.kvvm.hu