In Liebe, Ungarn

Schwellenland, korrupt, ein Zaun und Hetzkampagnen. In der jüngsten Vergangenheit ist Ungarn in den deutschen Medien leider nicht sonderlich positiv erwähnt worden. Demnach war die Resonanz, bezüglich unserer Auswanderung in meine alte Heimat, von vielen Fragen zur politischen Lage des Landes behaftet.



„Wir haben uns das gut überlegt.“ War schnell die Musterantwort, die wir jedem gaben. In Wirklichkeit haben wir uns gar nichts überlegt. Die Entscheidung fiel sehr spontan und beinahe haben wir uns aus Deutschland „rausgekehrt“ gefühlt. Mein Mann ist berufsbedingt wochentags in Süddeutschland unterwegs und ich verlor innerhalb meiner Elternzeit meine Anstellung, welche vor der Schwangerschaft verlängert werden sollte. Familie mit drei Kindern in Deutschland. Das bedeutet in Zukunft 850 Euro monatliche Kosten für die Unterbringung der Kinder. Hort für zwei Kinder und Kindertagesstätte für den jüngsten Nachwuchs. Inklusive drei Mahlzeiten. Das alles, damit ich wieder arbeiten gehen kann.

Das Gefühl, in Deutschland mit drei Kindern ziemlich aufgeschmissen zu sein, wuchs. Zudem pochte mein Herz seit langem bis zum Hals, denn es wollte zurück nach Hause. „Du bist nur eine Entscheidung von einem völlig anderen Leben entfernt.“ Dieser Spruch aus einer Zeitung überfuhr mich an jenem Morgen, als ich meine Freundin in Miskolc anrief. Ich will zurück.

Drei Wochen später nutzten wir die Osterferien, um uns einige mögliche Wohnorte anzuschauen und um die ungarische Luft zu schnuppern. Lange war es her, dass ich fließend ungarisch sprechen durfte, dass machte die Verständigung holprig. Doch die Ungarn versuchten unermüdlich mit mir zu kommunizieren.



Die Wahl fiel auf Miskolc. Sehr gute Infrastruktur, familienfreundlich, kulturell und modern. Meine Töchter besuchen eine zweisprachige Ganztagsschule und ich zahle dafür nichts. Ab drei Kindern im Haushalt bezahle ich auch für die Mahlzeiten nichts. Ich zahle für die Kindertagesstätte nichts. Allerdings kann ich nicht auf die Straße gehen, ohne darauf angesprochen zu werden wie unglaublich süß und liebenswert meine Kinder sind.

Es ist nicht das Geld worauf es uns in erster Linie ankommt. Zumal sind die Löhne um einiges niedriger und viele Dinge sind genauso teuer, wie in Deutschland. Es ist das Gefühl der Wertschätzung. Was auch immer über dieses wunderbare, stolze, kleine Land gesagt wird, es hüllt dich in kürzester Zeit in Liebe ein. Liebe zu Kindern. Liebe zum Leben.

Von Dorothea Stelling

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