Berg-Karabach: Neuer Anlauf für Waffenruhe

Armenien und Aserbaidschan nehmen einen neuen Anlauf für eine Feuerpause. Moskau appelliert eindringlich, dass sich beide Länder an die Waffenruhe halten.

Im Konflikt um die Südkaukasus-Region Berg-Karabach nehmen Armenien und Aserbaidschan einen neuen Anlauf für eine Feuerpause.

In der Nacht zum Sonntag um Mitternacht Ortszeit (22.00 Uhr MESZ) solle eine «humanitäre Waffenruhe» in Kraft treten. Das teilten die Außenministerien beider Länder im gleichen Wortlaut mit.

Bereits vor einer Woche hatten sich die verfeindeten Länder unter Vermittlung Russlands auf eine Feuerpause verständigt. Diese Vereinbarung war jedoch schon kurz nach Inkrafttreten gebrochen worden. Dafür gaben sich beide Länder gegenseitig die Schuld. Auch heute kam es zu neuen Angriffen mit Toten und Verletzten.

Aserbaidschan meldete schwere Angriffe der armenischen Seite auf Ganja, die zweitgrößte Stadt des Landes. Bei dem Raketenbeschuss seien 13 Menschen getötet worden, teilte das Zivilschutzministerium in der Hauptstadt Baku mit. Armenien machte das Nachbarland ebenfalls für Angriffe verantwortlich. Russland mahnte, die Feuerpause müsse strikt eingehalten werden.

Von 50 Verletzten sprach Aserbaidschan in Ganja. Die Leichen seien etwa unter Trümmern zerstörter Häuser gefunden worden. Darunter sollen auch Kinder gewesen sein. Auf von Aserbaidschan verbreiteten Bildern war zu sehen, wie Rettungskräfte in zerstörten Häusern nach Überlebenden suchen. Dabei waren auch Suchhunde im Einsatz. Die Behörden sprachen von erheblichen Schäden.

Der aserbaidschanische Präsident Ilham Aliyev nannte den Angriff im Fernsehen ein Kriegsverbrechen und drohte, dass die armenische Führung dafür zur Rechenschaft gezogen werde. Armenien wies jedoch eine Verantwortung zurück und warf dem verfeindeten Nachbarn im Gegenzug vor, selbst hinter dem Angriff zu stecken und dies als «Propaganda» gegen die Armenier zu verwenden.

Armenien wiederum berichtete von Raketenangriffen der aserbaidschanischen Seite, darunter auf die Hauptstadt von Berg-Karabach. Dabei seien in Stepanakert mindestens drei Zivilisten verletzt worden. Beide Seiten warfen sich gegenseitig vor, erneut gegen die Feuerpause verstoßen zu haben. Sie war am vergangenen Samstag unter der Vermittlung Russlands zustande gekommen.

Russlands Außenminister Sergej Lawrow telefonierte heute erneut mit seinen Kollegen in Armenien und Aserbaidschan. Er appellierte eindringlich, dass sich beide Länder an die Waffenruhe halten.

Auch die EU forderte beide Seiten erneut zur Einhaltung der Waffenruhe auf. «Alle Angriffe auf Zivilisten und zivile Einrichtungen müssen ein Ende haben», sagte ein Sprecher des EU-Außenbeauftragten Josep Borrell am Samstag. Die Europäische Union bedauere den Beschuss der aserbaidschanischen Stadt Ganja.

Die Angaben aus der Konfliktregion lassen sich unabhängig nicht überprüfen. So teilte das Militär von Aserbaidschan mit, es habe einen armenischen Kampfjet abgeschossen. Das aber dementierte das armenische Verteidigungsministerium umgehend und erklärte, zwei Drohnen der gegnerischen Seite abgeschossen zu haben.

Aserbaidschan berichtete von weiteren Geländegewinnen an der Front. Aliyev erklärte zudem, sein Militär habe die Stadt Fizuli und sieben umliegende Dörfer unter Kontrolle gebracht. Diese Region grenzt an Berg-Karabach und war von Armenien besetzt.

Aus der mehrheitlich von christlichen Karabach-Armeniern bewohnten Bergregion sind inzwischen Tausende Menschen geflohen. Das armenische Verteidigungsministerium sprach von mehr als 600 getöteten Soldaten seit Beginn der neuen Kämpfe am 27. September. Aserbaidschan machte bislang keine Angaben zu Verlusten bei seinen Streitkräften. Bei armenischen Angriffen seien mehr als 50 Zivilisten getötet worden.

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