Ein letztes Mal wird sich im Prozess um den rechtsterroristischen Anschlag von Halle voraussichtlich der Angeklagte äußern.
Der 28-Jährige hatte den Anschlag zu Prozessbeginn vor dem Oberlandesgericht (OLG) Naumburg gestanden und mit kruden antisemitischen, rassistischen und antifeministischen Verschwörungstheorien begründet. Der Mann hatte dabei kein Anzeichen von Reue gezeigt.
Viele der Überlebenden haben sich der Nebenklage angeschlossen, und wollen am Mittwoch, dem 25. Prozesstag, kommen, wenn die Verteidigung ihren Schlussvortrag hält und der Angeklagte sein letztes Wort bekommt. Die Einlassung des Angeklagten hatten viele als kaum zu ertragende Zumutung beschrieben.
Am 9. Oktober 2019 hatte ein Terrorist versucht, 51 Menschen zu töten, die in der Synagoge von Halle den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur feierten. Er scheiterte an der massiven Tür, erschoss daraufhin die Passantin Jana L. und später in einem Döner-Imbiss Kevin S.. Auf der anschließenden Flucht verletzte er weitere Menschen. Der Prozess läuft seit Juli vor dem OLG Naumburg, aus Platzgründen findet er jedoch in Magdeburg statt.
Angeklagt ist der 28-jährige Deutsche Stephan Balliet aus dem Landkreis Mansfeld-Südharz. Die Bundesanwaltschaft fordert eine lebenslange Haftstrafe mit anschließender Sicherheitsverwahrung und die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. Die Nebenklage schloss sich dieser Forderung geschlossen an.
Drei Tage lang hatten zuletzt die 23 Anwältinnen und Anwälte der Nebenklage, die sich aus Hinterbliebenen und Überlebenden zusammensetzt, ihre Plädoyers gehalten. Dabei waren auch mehrere Überlebende selbst zu Wort gekommen und hatten, wie schon in ihren Befragungen als Zeugen, zutiefst persönlich und emotional vom Tag des Anschlags und der schwierigen Zeit seitdem berichtet.
Am Dienstag hatten unter anderem mehrere Überlebende aus der Synagoge selbst plädiert und dabei eindringlich vor Antisemitismus in Deutschland gewarnt. «Deutschland hat ein Antisemitismus- und Rassismusproblem», mahnte etwa die Philosophin Christina Feist, die sich zuvor schon vor Gericht, aber auch auf zahlreichen Kundgebungen und in der Presse zum Anschlag und zum Prozess geäußert hatte.
Zu oft würden Menschen in Deutschland wegschauen und nichts tun, wenn sie Zeugen antisemitischer Angriffe würden. «So kann es nicht weitergehen und deshalb ist Schweigen auch keine Option», sagte Feist.
Eine andere Überlebende berichtete von antisemitischen Anfeindungen, die sie schon in ihrer Kindheit in Niedersachsen habe ertragen müssen. Ein Überlebender aus dem Döner-Imbiss, Conrad R., ließ am Dienstag durch seinen Anwalt eine Erklärung verlesen, da er aus psychischen Gründen nicht in der Lage war, selbst vor Gericht zu erscheinen. R. sprach den Angeklagten in seiner Rede direkt an: «Du darfst nicht Teil von unserer Gesellschaft sein», ließ er in Richtung des Angeklagten erklären, «wir schließen dich aus».
R. war am Tattag mit seinem Kollegen Kevin S. im Döner-Imbiss zum Mittagessen gewesen und hatte nur fliehen können, weil die Waffe des Attentäters Ladehemmungen hatte. Der Ehemann und Vater R. ist nach Angaben seines Anwalts schwer traumatisiert von dem Anschlag und kämpft mit Panikattacken und Schuldgefühlen.
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