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Kaukasische Kreidekreise für den steirischen Herbst

Das neue Stück des ungarischen Regisseurs Árpád Schilling wird im Rahmen des österreichischen Kunstfestivals gezeigt.

Das seit über 40 Jahren international renommierte österreichische Festival für zeitgenössische Kunst, der steirische herbst, macht sich heuer auf den Weg – in mehrfacher Hinsicht – und testet verstärkt die Grenzen. Und so wird auch die Arbeit des ungarischen Regisseurs Árpád Schilling im Oktober in Bad Gleichenberg, gezeigt – zwar noch in der Steiermark, aber in unmittelbarer Nähe zur ungarischen Grenze.



Árpád Schilling ist einer der innovativsten ungarischen Theatermacher, seine Gruppe Krétakör ist zugleich eine der bekanntesten der freien Szene des Landes. Der Name des Kollektivs bezieht sich auf den „kaukasischen Kreidekreis“ Bertolt Brechts, dessen Theorien Schilling schon immer auf mutige, direkte Weise in die Tat umzusetzen versuchte. Mit radikal auf Inhalte, Gedanken und Schauspiel reduzierten Aufführungen meist klassischer Dramen machte er rasch auch international auf sich aufmerksam, durfte in Frankreich inszenieren, wurde zu Festivals und ans Wiener Burgtheater eingeladen.

Für Ungarn, das Feld, das er eigentlich brechtisch beackern wollte, war ihm das aber nicht genug. Und so entschloss er sich zusammen mit seinem Weggefährten Márton Gulyás 2008 zu dem einzigartigen Schritt, die Radikalität von der Bühne ins Leben, in die Organisation zu verlagern. Man schloss das Theater und wandelte es, nun nur noch unter dem Namen Krétakör, in ein Produktionsbüro um, das mithilfe unterschiedlicher Medien die Gesellschaft von innen zu verändern versucht. Den Teilnehmenden Zivilcourage und selbstständiges Denken beibringen. Bequeme Denkstrukturen aufbrechen, indem man sie ganz offen hinterfragt und auseinandernimmt. Das ist Theater, sagt Árpád Schilling.

Theater, das in seiner kritischen Form oft nicht gehört werden soll. So wird auch Árpád Schillings Stimme wegen ihrer Aufmüpfigkeit in Ungarn nicht gerne gehört. Dafür umso mehr im europäischen Ausland, wo er sich auf Unterstützung aus Brüssel und eben auch von Festivals, wie dem steirischen herbst, verlassen muss.

Im Zentrum von „A Párt – Die Partei – The Party“ steht ein kleines ungarisches Dorf, in dem kritische Kunst sowie abweichende Meinungen unterdrückt werden, und Demagogie, Populismus und Xenophobie aufblühen. Ein Unternehmer kandidiert als Bürgermeister der verschuldeten Kommune, seine rechtsgerichtete, autokratische Partei vergiftet das dörfliche Klima. Schilling inszeniert das Scheitern nicht nur ungarischer Politik als Trauerspiel der Inkompetenz, die schleichende Aushöhlung der Demokratie als schaurige Satire. Das Stück ist am 17. und 18. Oktober 2014 in Bad Gleichenberg, nahe der ungarischen Grenze zu sehen. Ungarn wird auch im Rahmen einer Podiumsdiskussion aus der Veranstaltungsreihe „Kleine Zeitung Salon“ am Samstag, 18. Oktober 2014, in den Fokus genommen.

Es wird immer schwerer für Árpád Schilling, seine nicht grundsätzliche Regierungsgegnerschaft zu erklären, nachdem die Regierung ihn zum Feind erklärt hat, einfach nur, weil er Vernunft und gesunden Menschenverstand und einen Blick über den Tellerrand predigt. Seine beste Vision für Ungarn? „Dass sie sich von innen heraus zerfleischen.“ Aber um einfach wegzuziehen, dazu ist die Bindung zu stark. „Hätte ich einen längerfristigen Job, würde ich darüber ernstlich nachdenken, im Sinne der Zukunft meiner Kinder. Wenn diese von Orbán gepachtete imperiale Macht, in der christlicher Religionsunterricht verpflichtend ist, länger anhält – und ich sage nicht, dass mir die MSZP lieber wäre –, dann suche ich vielleicht wirklich das Weite.“

Autor: Martin Thomas Pesl (Auszüge aus dem Magazin herbst. Theorie zur Praxis)

Weitere Informationen und Karten unter www.steirischerherbst.at