Trump oder Biden: Amerika wählt – «Angst, etwas zu verhexen»

Eine US-Wahl wie diese hat es noch nie gegeben – diesen Satz hat man nun in allen möglichen Variationen gehört. Das Land hat sich mitten in der Corona-Pandemie zum entscheidenden Tag gezittert. Die Anspannung ist auch vor den Wahllokalen spürbar.

Es ist ein kalter, klarer Herbsttag in Washington, in der Hauptstadt des Landes, auf das in diesen Tagen alle Welt blickt.

«Die Sorge wächst an einem bitteren Ende des Wahlkampfs», titelt die «New York Times». Und genau das ist am Dienstag vor den Wahllokalen zu spüren. «Ich glaube, wir haben im Moment einfach zu viel Angst, etwas zu verhexen», sagt Harsimran, die im Stadtteil Columbia Heights ihre Stimme abgibt und nur ihren Vornamen nennen will. «Wir waren uns beim letzten Mal alle sehr sicher, wie es ablaufen würde. Und es hat uns alle überrascht.»

Die Frau meint den Sieg von Donald Trump bei der Wahl 2016, der den Beginn einer nie dagewesenen Präsidentschaft einleitete. Der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden will dafür sorgen, dass es bei einer einzigen Amtszeit von Trump bleibt. Beide Lager haben die Wahl 2020 zur folgenreichsten in der amerikanischen Geschichte erklärt. Und viele Wähler stimmen dem am Ende eines beispiellosen Wahlkampfs zu.

«Sollte Trump vier weitere Jahre bekommen, denke ich, dass Amerika weiterhin die Lachnummer der Welt sein wird. Und wir werden unseren Status als globale Führungsmacht weiter herabsetzen», sagt Michael Overholser. «Deswegen ist die Wahl so wichtig. Und ich denke, sie ist sehr wichtig für Menschen, denen es in diesem Land nicht so gut geht.»

Wenn man den 32-Jährigen anschaut, kommt man unweigerlich auf drei zentrale Themen, die die turbulenten Monate des Wahlkampfs geprägt haben: die Corona-Pandemie, die Proteste gegen Polizeigewalt und der Streit um die Nachbesetzung eines freigewordenen Postens am mächtigen Obersten Gericht, dem Supreme Court.

Warum? Overholser trägt einen Mund-Nasen-Schutz, wie es in Washington zum Schutz vor Corona auch an der frischen Luft vorgeschrieben ist. Darauf prangt die Aufschrift: «Defund MPD», was für die Forderung «Entzieht der Polizei das Geld» in der US-Hauptstadt steht. Sie war bei den Protesten gegen Polizeigewalt laut geworden. Unter Overholsers offener Jacke blitzt auf seinem Pulli das Konterfei der liberalen Justizikone Ruth Bader Ginsburg hervor.

Nach Ginsburgs Tod im September war ein erbitterter Streit zwischen den Republikanern und Demokraten um ihre Nachfolge am Supreme Court entfacht. Trump bekam seine Kandidatin Amy Coney Barrett noch vor der Wahl durch – und zementierte damit möglicherweise für Jahrzehnte die konservative Mehrheit des Gerichts.

Wer mit Wählern in der Hauptstadt spricht, könnte denken, dass Trump längst abgewählt sei. Doch Washington ist nicht repräsentativ für das gespaltene Land – dort gewinnt traditionell der demokratische Kandidat. 2016 stimmten mehr als 90 Prozent der Wähler für Hillary Clinton. Die Umfragen deuteten auf ein ähnlich gutes Ergebnis für Biden hin.

Insgesamt aber sieht es nach einem äußerst knappen Rennen aus. Am Ende wird der Ausgang auch davon abhängen, wie viele Wähler die beiden Kandidaten motiviert haben, überhaupt wählen zu gehen. Während Biden die Menschen mit Warnungen vor einer weiteren Amtszeit Trumps zu mobilisieren versuchte, warnte der Amtsinhaber vor düsteren, unsicheren Zeiten unter den Demokraten.

Die Botschaften scheinen angekommen zu sein. Zwar trifft man am frühen Morgen des Wahltags nur wenige Leute vor den Wahllokalen in Washington. Viele haben aber längst abgestimmt. Vor Dienstag hatten landesweit annähernd 100 Millionen Amerikaner gewählt, wie das «U.S. Elections Project» ermittelte. Das entspricht mehr als 70 Prozent aller, die sich 2016 beteiligten. Im wichtigen Bundesstaat Texas überschritt die Zahl der Wähler schon vor dem 3. November die von vor vier Jahren.

Wegen der Corona-Pandemie hatten viele Staaten die Briefwahl vereinfacht. Schon seit Wochen konnten Wähler in vielen Staaten zudem persönlich im Wahllokal abstimmen. Auch Trump und Biden waren längst wählen. Trump gab vor zehn Tagen seine Stimme in West Palm Beach im Bundesstaat Florida ab, Biden vergangenen Mittwoch in seinem Wohnort Wilmington im Bundesstaat Delaware.

Auch mit Blick auf das Ergebnis wäre es dieses Jahr wohl treffender, von Wahlwoche statt von Wahltag zu sprechen. Wegen der weit verbreiteten Briefwahl rechnen Experten damit, dass der Sieger nicht wie bei den meisten vergangenen Präsidentenwahlen noch in der Wahlnacht feststehen dürfte. Mancherorts dürfen noch Tage später Stimmzettel mit Poststempel vom 3. November gezählt werden.

Die Spannung vor der unvorhersehbaren Wahlnacht war also groß – und nicht unbedingt der Euphorie geschuldet. Im Gespräch mit den Wählern wird deutlich, dass die Wahl für sie vor allem ein Referendum über Trump ist, statt eine überzeugte Entscheidung für Biden. Overholser sagt: «Ich denke, Biden ist zumindest ein anständiger Mensch.» Biden sei «das kleinere Übel», sagen zwei andere Wähler namens James und Netta mehrfach.

«Der Amtsinhaber ist einfach wohl der am wenigsten präsidiale Präsident, den wir je hatten», sagt Riley Slusarski, der mit seiner Freundin Kendall Kelly seine Stimme abgibt. «Es ist an der Zeit, ihn da rauszuholen.» Und er wagt Gedankenspiele: «Ich denke, es wird lustig, weil wir viel weniger zu reden haben, wenn einfach eine ziemlich normale Person im Amt ist. Aber das ist okay!»

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