Studie: Wer langsam antwortet, dem wird nicht geglaubt

Das Gegenüber sucht nach Worten und braucht lange für eine Reaktion? Der lügt doch bestimmt! Verzögertes Antworten kann Glaubwürdigkeit kosten, bestätigt eine Analyse aus Frankreich.

Schlechte Nachrichten für Menschen, die auf Fragen gerne mal vergleichsweise langsam antworten: Sie werden von ihrem Umfeld vermutlich eher als Lügner wahrgenommen. Das legt zumindest eine französische Studie nahe, deren Ergebnisse im «Journal of Personality and Social Psychology» veröffentlicht wurden.

Demnach beeinflusst die Länge des Zögerns, als wie aufrichtig eine Antwort wahrgenommen wird – ein Phänomen, das den Forschern zufolge ernstzunehmende Folgen für Verhöre im polizeilichen Kontext oder Gerichtsverhandlungen haben kann.

«Die Bewertung der Aufrichtigkeit anderer Menschen ist ein allgegenwärtiger und wichtiger Teil sozialer Interaktionen», erklärt Hauptautor und Psychologe Ignazio Ziano von der Grenoble École de Management. «Unsere Forschung zeigt, dass die Reaktionsgeschwindigkeit ein wichtiger Anhaltspunkt ist, auf den Menschen ihre Rückschlüsse für die Aufrichtigkeit stützen.»

Konkret führten Ziano und der Psychologe Deming Wang von der James-Cook-Universität Singapur eine Serie von Experimenten mit mehr als 7500 Teilnehmern aus den USA, Großbritannien und Frankreich durch. In deren Verlauf hörten die Probanden entweder einen Audioschnipsel, sahen ein Video oder lasen einen Bericht über eine Person, die auf eine einfache Frage antwortete – etwa, ob sie den Kuchen eines Freundes mochte, oder auch, ob sie Geld von der Arbeit gestohlen hatte.

In jedem Szenario variierte die Antwortzeit von sofort bis zu zehnsekündiger Verzögerung. Dann bewerteten die Teilnehmer die Aufrichtigkeit der Antwort auf einer Skala. In allen 14 Experimenten wurden verzögerte Antworten durchweg als weniger aufrichtig eingeschätzt, unabhängig von der Frage, ob es sich um eine harmlose Frage nach Kuchen oder um eine ernstere Frage nach der Begehung eines Verbrechens handelte. Dabei reichte schon eine Verzögerung von zwei Sekunden, damit eine Antwort als unehrlicher wahrgenommen wurde – ein Effekt, der sich bei einer Pause von fünf Sekunden noch einmal deutlich steigerte.

Die Psychologen beobachteten aber auch Faktoren, die den Effekt reduzierten. Wurde eine Antwort beispielsweise als sozial erwünscht angesehen – wie auf die Frage, ob man den Kuchen eines Freundes mochte -, dann spielte die Antwortgeschwindigkeit keine große Rolle für die wahrgenommene Aufrichtigkeit. Ebenso minimierte sich der Effekt, wenn Probanden dachten, dass eine langsamere Antwort auf geistige Anstrengung zurückzuführen war, so etwa bei der Frage, ob jemand vor zehn Jahren Süßigkeiten gestohlen hatte.

Für Hauptautor Ziano hat die Studie weitreichende Konsequenzen: «Wann immer Menschen miteinander interagieren, beurteilen sie die Aufrichtigkeit des anderen. Diese Ergebnisse lassen sich auf eine breite Palette von Interaktionen anwenden, angefangen von Gesprächen am Arbeitsplatz bis hin zu Paaren und Freunden, die sich streiten.» Zudem gehe es in Vorstellungsgesprächen und Gerichtsverhandlungen oft auch um eine Beurteilung der Aufrichtigkeit.

«Auch hier könnte die Reaktionsgeschwindigkeit eine Rolle spielen», gibt Ziano zu bedenken. Ein Beispiel seien Zeugenaussagen vor einem Geschworenengericht: «Es wäre unfair für den Antwortenden, zum Beispiel einen Tatverdächtigen, würde die Antwortverzögerung fälschlicherweise der Gedankenunterdrückung oder der Fabrikation von Antworten zugeschrieben, wenn sie in Wirklichkeit durch einen anderen Faktor verursacht wurde, wie etwa einfach abgelenkt oder nachdenklich zu sein.»

Um solche Mechanismen auszuhebeln, könne es helfen, wenn Richter Geschworene explizit anweisen, nicht auf die Antwortgeschwindigkeit zu achten. Denn tatsächlich ergab eines der Experimente von Ziano und Wang, dass eine solche Anweisung den Effekt der verzögerten Antwort auf die Beurteilung von Aufrichtigkeit oder Schuld reduzierte, wenn auch nicht vollständig aufhob.

Wer also als besonders ehrlich wahrgenommen werden will, sollte sich beim Antworten auf eine Frage nicht zu viel Zeit lassen. Ein weiteres Hilfsmittel könnte zudem die eigene Sprachmelodie sein, so das Fazit einer weiteren Studie, die jüngst in «Nature Communications» veröffentlicht wurde. Ihr zufolge werden Menschen, die eher schnell sprechen, die Mitte von Worten betonen – und Menschen, bei denen die Tonhöhe am Ende von Worten abfällt, werden demnach als aufrichtiger wahrgenommen.

Beide Studien beschreiben indes nur, wann oder wann nicht jemand als glaubwürdig empfunden wird. Wer Menschen tatsächlich beim Lügen ertappen will, bräuchte zum Beispiel eine Wärmebildkamera: Forscher der Universität Granada stellten 2018 fest, dass die Nasentemperatur sinkt und die Stirntemperatur steigt, wenn jemand flunkert – ein Phänomen, das sie «Pinocchio-Effekt» nannten.

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