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Luftballonaktionen am Balaton

Zehntausende Stimmen gegen unsere Umwelt

Umweltschützer kämpfen gegen die im Namen des Umweltschutzes durchgeführten massenhaften Luftballonaktionen.



In diesem Sommer fanden in Ungarn wieder zahlreiche Festivals statt, so auch in der Region Balaton. Die mehrtägigen Veranstaltungen bringen zwar Einnahmen für die lokalen Zimmervermieter, die Veranstalter stellen aber immer weniger lokale Arbeitskräfte ein.

Große Empörung löste z. B. das berühmte „Tal der Künste“ in Kapolcs aus, das in diesem Jahr erstmals nicht mit lokalen Kräften, sondern mit landesweit angeheuerten „Freiwilligen“ arbeitete. Aber nicht nur die Arbeitskräfte, sondern auch Verkaufsstände und Bühnen, Licht und Sound werden immer häufiger von den Festival-Veranstaltern mitgebracht. Gleichzeitig locken diese Massenevents die Besucher von den lokalen Veranstaltungen weg. Bei näherer Betrachtung sind sie also kein wirklicher Gewinn für die Region, wohl eher eine bewusste zentralisierte Ausnutzung der „Marke Balaton“. Aber dabei blieb der Schaden in diesem Jahr leider nicht.

Beim Strandfestival in Zamárdi stiegen vor dem Abschlusskonzert am 22. August zehntausend mit Helium gefüllte Luftballons in die Höhe. Eigentlich ein schöner Anblick. Dass die Ballons aber auch enormen Schaden anrichten, hat man in zahlreichen Ländern längst festgestellt: die herabfallenden Ballons werden von den Tieren mit der Nahrung verwechselt, vor allem Vögel verfangen sich in der Schnur der Ballons und sterben qualvoll. Greenpeace Deutschland (www.greenpeace.de) hat sich bereits in mehreren Publikationen mit diesem Thema befasst.

Zamárdi war nicht der einzige Ort, an dem Tausende Luftballons in die Luft stiegen, auch beim VOLT Festival in Sopron und beim Sziget Festival in Budapest fanden ähnliche Aktionen statt. Gleiches Rezept, gleicher Veranstalter: Sziget Kft. Die Pikanterie: die Aktionen wurden im „Namen des Umweltschutzes“ durchgeführt und zwar, um jugendliche Stimmen für den Klimaschutz einzufangen. Die Veranstalter haben zu Anfang des Sommers eine Übereinkunft mit dem ungarischen Staatspräsidenten, János Áder, geschlossen, um das Projekt Áders „Élő Bolygónk – Lebendiger Planet“ bei Jugendlichen populär zu machen. Das Projekt ist das ungarische Äquivalent des weltweit von Al Gore, dem ehemaligen US-Vizepräsidenten getragenen „Live Earth project – Road to Paris“, mit dem Al Gore weltweit eine Milliarde elektronischer Unterschriften für die stärkere Regulierung der CO2-Emissionen bis zur 21. Klimakonferenz der Vereinten Nationen Ende November in Paris sammeln will.

János Áder hat sich Anfang des Jahres dem Projekt Live Earth angeschlossen und eine ungarische Webseite lanciert: www.elobolygonk.hu. Die Promotion läuft in den staatlichen Medien auf Hochtouren, aber eben auch auf den erwähnten Festivals – auf anscheinend „guten Rat von Experten“ auch mit den oben genannten Ballonaktionen. Das dilettantisch recherchierte „Massenrezept“ wurde hier jedoch zum Verhängnis für die Umwelt, tatsächlich wurden, wenn man so will, im Namen des Umweltschutzes Zehntausende Stimmen gegen unsere Umwelt losgelassen.

Der Verband „Pro Leben am Balaton“, der sich für regionalen Umwelt- und Naturschutz sowie für eine nachhaltige Entwicklung einsetzt, hat sich deshalb mit einem Offenen Brief an die Veranstalter, Sponsoren, Künstler und an die Öffentlichkeit gewandt und die Einstellung weiterer Umweltverschmutzung im Namen des Umweltschutzes gefordert. „Umweltverschmutzung ist besonders in jene Fällen gefährlich, in denen die Verschmutzung scheinbar aus unserem Blickfeld verschwindet und praktisch nicht wieder korrigierbar ist“, heißt es dort. Dies erhöhe die Verantwortung der Verursacher, weil der Schaden nicht wieder gutzumachen ist. Solche Aktionen dürften auf keinen Fall wie hier als „eine gute Party“ kommuniziert werden, das schlechte Beispiel für die Jugendlichen sei verheerend.

Der Verband „Pro Leben am Balaton“ konnte für seine, eine starke Medienaufmerksamkeit erregende Aktion in kürzester Zeit zahlreiche lokale zivile Organisationen, wie die Stiftung Pro Badacsony gewinnen, aber auch Greenpeace Ungarn, sowie das durch László Sólyom, dem ehemaligen ungarischen Staatspräsidenten gegründete Védegylet – Protect the Future, die Arbeitsgruppe Levegő Munkacsoport – Clean Air Action Group CAAG und die Ungarische Gesellschaft für Biodiversitätsforschung. Sie alle unterzeichneten den Offenen Brief und fordern den Stopp der massenhaften Ballonaktionen im Namen des Umweltschutzes. In der Zwischenzeit hat sich auch die Band Punnany Massif, vor deren Konzert in Zamárdi die Luftballon-Aktion stattfand, öffentlich klar davon distanziert.

Zu den Sponsoren des VOLT und des Sziget Festivals zählt auch die ungarische Telekom, die sich auf Webseite und in Firmenprospekten besonders umweltfreundlich gibt, wie übrigens auch die Mutterfirma, die Deutsche Telekom. Die in Gegenaktion tretenden grünen Organisationen haben deshalb sowohl die Telekom in Ungarn, wie auch die Mutterorganisation in Deutschland mit ihrem Aufruf aufgesucht und um klare Distanzierung von der Verschmutzung gebeten. Die Reaktion der Deutschen Telekom: „Der Aufstieg der Ballons wurde von der Magyar Telekom nicht organisiert, noch hat der Veranstalter die Kollegen im Vorfeld über dieses Veranstaltungselement informiert… Die Kollegen in Ungarn werden mit den Veranstaltern des Festivals in Kontakt treten.“ Die Telekom Ungarn hat das Gesuch bisher mit keinem Wort gewürdigt, obwohl es von den UmweltschützerInnen an die auf der Firmenhomepage eigens für Nachhaltigkeitsthemen eingerichtete E-Mailadresse (fenntarthatosag@telekom.hu) gesandt wurde.

Offenbar gibt es seitens der Telekom kein Monitoring darüber, wie Sponsorengelder im Zeichen des Umweltschutzes in Ungarn ausgegeben werden. Das erinnert stark an die oft unsinnige Verteilung von EU-Fördergeldern, welche mangels jeglicher Überprüfung der vorgetäuschten Projekte viel Unmut in der Bevölkerung ausgelöst hat. Der Veranstalter, die Sziget Kft, hüllt sich weiterhin in Schweigen. Von Verantwortungsübernahme bisher also weit und breit keine Spur. Auch deshalb haben sich die Zivilen an die offiziellen Umweltschutzbehörden gewandt, die umfassende Untersuchungen angekündigt haben. In diesem Zusammenhang wurden der Staatspräsident János Áder und auch Al Gore als sagen wir mal unfreiwillige Mit-Unterstützer der Aktionen öffentlich von den UmweltschützerInnen angeschrieben. Die Affäre zieht immer größere Kreise.

Der Verband „Pro Leben am Balaton“ hält fest, dass vermeintliche „Umweltschutzaktionen“, wie dieses Beispiel zeigt, tatsächlich nichts anderes als Ballons sind: sie sind aufgeblasen und haben praktisch keinen Inhalt. Die damit vermittelten Marketing-News könnten auch verbreitet werden, ohne dabei der Umwelt zu schaden. Eine klare Distanzierung des Staatspräsidenten von diesen Aktionen ist dringend erforderlich. Er ist der Hüter der ungarischen Demokratie und setzt sich stets klar für Umweltthemen ein. Es darf in keinem Fall der Anschein erweckt werden, dass die zuständigen Behörden bei ihrer Arbeit in irgendeiner Weise eingeschüchtert werden könnten, nur weil die höchste Staatsautorität wissentlich oder unwissentlich, mittelbar oder unmittelbar hinter dieser Umweltverschmutzung steht.

Die UmweltschützerInnen hoffen, dass dieser pseudo-grüne Umweltschutz-Ballon platzt und das dafür verwendete Geld lieber für tatsächlich nachhaltige Projekte im Sinne der Lokalen Agenda 21 eingesetzt wird. Das würde auch dem Klimaschutz wirksam helfen. Erfreulich ist die lokale und nationale zivile Zusammenarbeit bei diesem Thema. Zeit also für klare Worte und Stellungnahmen seitens aller Verantwortlichen.

Barbara Sallee-Kereszturi
Humanökologin

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