Zurückkehrende Ungarn

Am Balaton hofft man auf die Wende

Der Balaton ist ein einzigartiges Wunder in Europa, dem wir nicht gerecht werden. Von der heruntergekommenen, alten Lángosbude bis zum Luxushotel erstreckt sich das extrem breitgefächerte Angebot mit immer neuen Attraktionen, doch in Ermangelung einer guten Werbung geht der Gästeverkehr seit Jahren zurück. In der diesjährigen Saison ist zwar mit einer gewissen Trendwende, doch nicht mit einem durchschlagenden Erfolg zu rechnen.

Die Ungarn kehrten nach der Wende 1989, als die Zeit der billigen Urlaube in Gewerkschafts- und Betriebsferienheimen vorüber war, sie endlich ohne Einschränkung ins Ausland reisen konnten und die kroatische Küste lockte, dem Balaton den Rücken. Heute kommen immer mehr zurück an den Balaton und erkennen, dass sie hier direkt vor der Haustür ein phantastisches Urlaubsparadies haben, dazu Unterhaltungsmöglichkeiten zu erschwinglichem Preis, wohin es sich auch für ein verlängertes Wochenende lohnt zu fahren.

Die sehr unterschiedlichen Erwartungen zeigt auch, dass in den letzten Jahren die Nachfrage nach ausgesprochen niveauvollen Hotels der gehobenen Kategorien und dem Massenbedürfnisse erfüllenden, billigen Familien- und Partytourismus angestiegen ist, die anderen Akteure der Gastronomie beklagen sich ohne Unterlass. Die früher den deutschen Touristen ihre Existenz verdankenden Gastronomen schätzen die ungarischen Gäste immer mehr. Vor allem deshalb, weil das die Gäste sind, die übersehen oder mit nostalgischen Gefühlen betrachten, dass es außer Luxushotels auch heruntergekommene Bahnhöfe und dürftige Lángosbuden an der Straße gibt, wo die Zeit stehen geblieben zu sein scheint.

Wer fühlt sich nicht durch ein Kindheitserlebnis oder eine romantische Erinnerung an das ungarische Meer gebunden, das heute genauso schön ist wie früher, dennoch leidet die Gegend unter den ausbleibenden Gästen. Viele Selbstverwaltungen, Unternehmen, zivile und staatliche Verbände kämpfen seit Jahren mit immer niveauvolleren Leistungen, Programmangeboten oder eben mit Blumenbergen um die Urlauber, doch all das reicht nicht aus. Es fehlt die das laut genug verkündende, in die Region lockende Werbung und die einheitliche Entwicklungskonzeption, ohne die sich die Kräfte zersplittern. Die vom Tourismus Betroffenen und die staatliche Lenkung zeigen aufeinander, wer für all das verantwortlich ist.

Nach Auffassung von Miklós Kovács, dem stellvertretenden Leiter des Ungarischen Tourismusamtes, könnten die örtlichen Reisebüros und Dienstleister durch Zusammenhalt und ein gemeinsames Marketing viel tun. Nach dem Bericht des Fachmanns ist es noch lange nicht die gängige Praxis, dennoch ist in dieser Saison eine Wende im Balatoner Tourismus zu erwarten. Die bisherigen Tendenzen spiegeln gut wider, dass lange Jahre ein 6-8-prozentiger Rückgang den Umsatz der kommerziellen Unterkünfte kennzeichnete. Dank der Rückeroberung der inländischen Gäste kam der Rückgang schon im vergangenen Jahr zum Stillstand. Die Optimisten erhoffen sich darauf bauend in diesem Jahr schon einen leichten Anstieg der Gästezahlen. Ihre Zuversicht wird durch immer mehr Tatsachen untermauert. Neue, niveauvolle Hotels, Erlebnisbäder, Häfen wurden in den letzten Jahren gebaut, die zeigen, dass die Investitionslust am Balaton steigt und ein langfristiges Vertrauen in die Region anzeigt. Viel kann für die Region auch der Sármelléker Flughafen bringen, der wöchentlich von drei Linienflügen aus London angeflogen wird. Der Fahrradtourismus wird auf den rund um den See ausgebauten Radwegen immer beliebter und es steigt das Interesse am Wassertourismus, auch im Angeltourismus liegen noch nicht ausgeschöpfte Möglichkeiten. Die in Bau befindliche Autobahn M7 kann sich auch nachteilig auf die Balatonregion auswirken, meinen manche, denn sie verführt die Urlauber, ohne Aufenthalt bis zur Adria durchzufahren. Andere sind der Auffassung, dass sich das später zu einem Vorteil wandelt, denn sie bringt das Urlaubsgebiet, die Hauptstadt und die östlichen Landesteile näher zueinander.

Die seit Jahren ums Überleben kämpfenden Balatoner Reisebüros und Dienstleister machen die langfristigen Pläne vorerst nicht glücklich. Sie erwarten seit langem von einer staatlichen Lenkung, von einem gut ausgearbeiteten und finanzierten Marketingplan den Durchbruch, die Popularisierung des Balaton und fügen hinzu, dass die dafür ausgegebene Summe reichlich durch die steigenden Einnahmen aus dem Fremdenverkehr wieder hereinkommen würde. Derzeit ist der „Zimmerferi” wegen der raren Interessenten dem Untergang geweiht, anders gesagt, die privaten Zimmervermieter rechnen auch dieses Jahr mit einer katastrophal schlechten Saison – sagt Sándor Csehlán, der Vorsitzende des Verbandes der Reisebüros des Komitats Somogy, indem er sich auf eigene Erfahrungen und die anderer Büros beruft. Nach Auffassung des vielgereisten Fachmanns liegt die Wurzel des Übels nicht beim Balaton, der Rückgang ist auf das völlige Fehlen der entsprechenden Werbung zurückzuführen, obwohl das Angebot und die Preise auf dem Markt absolut wettbewerbsfähig wären. Dieser Meinung ist auch der deutsche Hans-Jörg Joas, der vor acht Jahren mit der Vermittlung der Balatoner Privatzimmer im Internet begann, nachdem er am Balaton ein Ferienhaus gekauft hatte und sich von einem solchen Geschäft etwas versprach. Seiner Meinung nach können die ungarischen Reisebüros deshalb keine Kundschaft gewinnen, weil sie auf den ausländischen Märkten weder mit den entsprechenden Publikationen noch mit Vertretern anwesend sind. Dass Interesse vorhanden ist, zeigt sein Unternehmen, das mit drei Häusern begann und heute rund 300 Immobilien am Balaton für 7-20 Euro/Tag /Person vermittelt. Nach seiner Aussage sind ufernahe billige Unterkünfte und sehr exklusive Häuser mit Pool am gefragtesten. Seine Internetseite, die die Balatoner Unterkünfte anbietet, wird im Durchschnitt täglich von 1800 Deutschen, Österreichern, Holländern und Schweizern aufgesucht, was zeigt, wo die Zukunft liegt, wenn man Gäste finden will.

T.T.