Nachgedacht: Achterbahnfahren …

… mag ich nicht. Und im Fußball schon gleich gar nicht. Doch das Spiel in der Münchner Arena am Mittwochabend glich diesem schnellen Auf und Ab aufs Haar. Deutschland und Ungarn schenkten sich nichts. 90 Minuten plus 360 Sekunden Nachspielzeit brachten nicht nur die Akteure auf dem Platz ins Schwitzen. Und das trotz der angenehmeren Temperaturen als in Budapest.



Der Zuschauer am TV, die knapp 15.000 Fans auf den Rängen sowie das gesamte Trainer- und Betreuungsteam beider Mannschaften blickten immer wieder angespannt auf die Stadionuhr und natürlich auch auf die Anzeigetafel, auf der die zeitgleiche Begegnung zwischen Portugal und Frankreich den aktuellen Spielstand anzeigte. Am Ende: 2:2 Unentschieden, Deutschland jubelte, Ungarn vergoss bittere Tränen.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Ungarn hat das Achtelfinale verpasst, doch welcher Hohn, die gesamte Elf hat eine extrem bravouröse Leistung abgeliefert. Und das nicht nur am Mittwoch, sondern in allen drei Vorrundenspielen. Sogar der amtierende Weltmeister Frankreich hatte massive Probleme mit der kämpferischen und laufintensiven Ballbeherrschung, ebenso die Portugiesen bis etwa zehn Minuten vor Abpfiff. Schade, das komplette Team hätte ein Weiterkommen allemal verdient gehabt. Aber: Cheftrainer Marco Rossi und seine Mannen können erhobenen Hauptes die Heimreise antreten. Und das bestätigten ihnen auch die zahlreichen ungarischen Fußballanhänger, die ins Stadion nach München gekommen waren. Geschlossen traten die Akteure abschließend vor die Fankurve und sangen mit der Hand aufs Herz ihre Nationalhymne. Ein bewegend emotionaler Abschluss, nicht nur für den stolzen Verlierer, Respekt!

Deutschland steht im Achtelfinale, der nächste Gegner wartet im Wembley-Stadion in London. Am Dienstag wird Jogi Löw seine Karten offen auf den Tisch legen müssen, wenn England um Kapitän Harry Kane die deutsche Elf empfängt. Und da hilft kein Zaudern, keine unnötige Ballzauberei, kein Zurückfahren. Vorwärts heißt die Ansage, nur vorwärts. Und können sie das? Gegen Portugal konnten sie es, gegen Ungarn relativ wenig. Dank dem zahlreichen Bayern-Block kam letztendlich ein zaghaftes 2:2 zustande.

Doch diese Rumtrödelei wird gegen die Engländer vor heimischen Publikum wenig nützen. Kampfgeist muss her, harmonisches Zuspiel, den Ball in den eigenen Reihen halten, Torchancen verwerten, das alles steht auf der Agenda. Und vielleicht auch eine kleine Änderung in der Anfangsformation. Gefragt ist wieder einmal der Bayern-Block. Als eingespieltes Team könnten Neuer, Müller, Kimmich, Goretzka, Gnabry, Musiala und (evtl. auch Sanè und Süle) dem Dauerrivalen Paroli bieten. Abwehr, wie gehabt, dazu Kroos, Gosens und natürlich auch Havertz. Deutschland hat gute Fußballer, das ist klar. Doch zeigen sie das auf dem Platz einfach zu wenig. Das Spiel gegen Ungarn war grottenschlecht, um es einmal deutlich zu formulieren. Was lernen wir daraus: Ein Mir-san-mir-Gefühl wäre angebracht, eine große Portion Selbstvertrauen und der immer schon so bewunderte und auch gefürchtete Kampfgeist sollten doch zum Erfolg führen, oder nicht?

Anpfiff in London ist am kommenden Dienstag um 18 Uhr. Lockt das Viertelfinale, natürlich. Schaffen wir das, denke ja. Zeigt das Team von Jogi Löw, was in ihm steckt, bestimmt. Die Engländer warten und wir werden kommen.

Bis bald,
Ihre Eva